Lars David Kellner

Kazue Isidas »Florum« - Vorwort von Lars David Kellner

June 12, 2022

Kazue Isida – Florum (2019-2021)



Florum multae sunt(1) – mit seinen 360 Blumen liefert Kazue Isida eine beeindruckende Anzahl an Preludes „für Celesta oder Toy Piano“. Damit spricht der japanische Komponist sicherlich eine spezielle Klientel von Tastenkünstlern an.

So oft die Celesta im orchestralen Kontext eingesetzt wird – man findet sie in Werken von Mahler, Strauss und Tschaikowski bis zu Debussy und Ravel, von Bernstein bis Strawinski(2) – so selten sind Solowerke bedeutenden Umfangs für dieses Tasteninstrument. Hier besteht noch immer eine bemerkenswerte Lücke, die umso bedauerlicher ist, weil das „himmlische Instrument“(3) sowohl über einen angenehmen Klang als auch über eine ausgeklügelte Mechanik(4) verfügt, die ein künstlerisch differenziertes Spiel hinsichtlich Dynamik, Artikulation und Pedalisierung auch im solistischen Vortrag sehr gut möglich macht.

Ähnlich dünn gesäht wie Literatur für Celesta solo ist das Instrument selbst: Sogar in Deutschland, dem Sitz des heutzutage weltweit einzigen Celesta-Herstellers(5), kommt auf 2000 Klaviere schätzungsweise gerade mal eine einzige Celesta(6). Dabei dürfte die Mehrzahl dieser Instrumente wohl eher an großen Konzertstätten zu finden sein als in den Händen von Solo-Musikern. In den letzten Jahren jedoch scheint die Celesta nicht zuletzt aufgrund ihres Einsatzes in der populären Filmmusik(7) und durch den Einfluss der Sozialen Medien zunehmend auch für musikalische Individualisten an Attraktivität zu gewinnen.

Das Surrogat der Celesta, das Toy Piano, wird erst in der jüngsten Zeit als vollwertiges Instrument verstanden und mit Kompositionen bedacht, wenngleich aufgrund seines limitierten Tonumfangs und der meist simplen Mechanik gewisse spieltechnische und gestalterische Grenzen bestehen. Trotzdem wächst die Fan-Gemeinde auch für dieses Instrument stetig an(8), nicht zuletzt, weil man die Instrumente relativ unkompliziert und zu einem meist erschwinglichen Preis käuflich erwerben kann. Aufgrund der kleinen Maße findet ein Toy Piano auch überall seinen Platz.

Kazue Isida, Kennern auch durch seinen Künstlernamen „Rockzaemon“ bekannt, schafft schon seit vielen Jahren Werke für Celesta oder Toy Piano. Bereits in der Zeit von 2009 bis 2012 entstanden 60 Miniaturen mit dem Titel „Aves“, die der Komponist Vögeln nachempfunden hat.

Mit „Florum“ bezieht sich Isida nun erneut auf die Natur: Dieses Mal standen dem Komponisten 360 Blumen bei der Kreation seiner Werke Pate. Um die große Anzahl der Stücke überschaubar zu machen, finden wir eine Untergliederung des Werks in insgesamt dreißig Bände, und zwar praktischer Weise anhand des Tonumfangs. So lassen sich schnell geeignete Stücke für die verschiedenen Instrumententypen lokalisieren: Angefangen vom kleinsten, 1-oktavigen Toy Piano bis zum 3,5-oktavigen Tastenglockenspiel oder zur Celestina(9). Auf einer großen Celesta lassen sich natürlich alle Präludien spielen.

Innerhalb der zwölf Stücke eines jeden Bandes wiederum bewegt sich Isida im Quintenzirkel stetig absteigend systematisch durch alle Vorzeichen. Mit dem Prinzip, sämtliche Tonarten bedienen zu wollen, tritt er rein formal in die Fußstapfen seiner berühmten Vorbilder Bach, Chopin und Rachmaninoff(10).

Stilistisch finden wir in Isidas Kompositionen Musikelemente der Klassik, der romantischen und der impressionistischen Ära sowie Elemente der modernen Popmusik. Oberstes Kriterium ist es dabei für den Komponisten nach eigener Aussage, „schöne“ Musik zu schreiben(11). Seine Naturverbundenheit und sein liebevoller Blick für das Detail mögen ihm hierbei von großem Nutzen sein.

Kazue Isida hat nach reiflicher Überlegung sämtliche musikalischen Ausdrucksbezeichnungen aus der Partitur seiner Endfassung herausgenommen(12). Dieser Schritt wurde bewußt vollzogen, um die Kreativität des Solisten nicht in ein Korsett an Spielanweisungen zu zwängen. Die liberale Haltung des Komponisten in Hinblick auf die Auslegung seiner Werke geht sogar noch weiter: Isida sieht es als durchaus legitimes Mittel an, Oktavierungen anzuwenden oder bei Bedarf sogar die Stimmen eines Stücks auf zwei Instrumente (oder gar zwei Künstler) aufzuteilen, wenn der musikalische Geist eines Werkes dies ermöglicht. In der praktischen Ausführung ergibt sich dadurch für den Musiker noch mehr interpretatorische Freiheit.

Mit „Florum“ bietet uns Kazue Isida eine riesengroße Spielwiese mit einer Fülle von musikalisch-floristischen Entdeckungen an. Auf über 1300 Notenseiten findet sich eine bunte Vielfalt an Stücken: Einerseits jene, die selbst mittels einfacher Instrumente ohne großen Aufwand im wahrsten Sinne des Wortes „begriffen“ werden können; andererseits beinhaltet dieses Werk auch technisch und musikalisch anspruchsvolle Stücke, die sich wohl nur auf einem hochwertigen Instrument wie einer Celesta umsetzen lassen.

Möge uns also „Florum“ einen 360-Grad-Panoramablick über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten metallophoner Tasteninstrumente geben.



Lars David Kellner, München im Mai 2022





Anmerkungen:

1 Übersetzt: „Der Blumen gibt es viele“.

2 Schiedmayer Celesta GmbH (11/2018): „Die Celesta – Das himmlische Instrument“.

3 Namensherkunft von französisch „cèleste“, übersetzt: „himmlisch“.

4 Mustel, Victor (1886): Originalpatent #176.530, aufbewahrt im INPI, Paris.

5 Fa. Schiedmayer, Wendlingen bei Stuttgart. (www.celesta-schiedmayer.de)

6 Schiedmayer, Knut (4/2022): Persönliche Anmerkungen zur Anzahl der in Deutschland ausgelieferten Celesten.

Daten zur Verbreitung von Klavieren in Deutschland. (https://de.wikipedia.org/wiki/Klavier)

7 Williams, John (2001): „Hedwig’s Theme“ für Celesta, bekannt durch die Filmreihe „Harry Potter“.

8 facebook-Gruppen wie „Toy Piano Performers“ mit mittlerweile über 500 Mitgliedern.

9 Die Celestina ist das derzeit kleinste Celesta-Modell, das von der Schiedmayer Celesta GmbH angeboten wird. (https://www.celesta- schiedmayer.de/celesta/celesta-modelle/3-5-oktaven-celesta-modell- celestina/)

10 Bach, Chopin und Rachmaninoff gehören laut eigener Aussage zu den Lieblingskomponisten Kazue Isidas.

In Bachs „Wohltemperierten Klavier“ erklingen alle Dur- und Molltonarten, ebenso wie in den „Preludes“ von Chopin und Rachmaninoff, wenngleich jeweils in einer anderen Anordnung.

11 Isida bezeichnet seine Musik als „organisch“, im Gegensatz zu den atonalen, „inorganischen“ Werken anderer zeitgenössischer Komponisten

12 Isida, Kazue (2022): Aus dem Schriftwechsel mit Lars David Kellner.