S. Karg-Elert: Romantische Stücke Op. 103 (Lars David Kellner)
Sigfrid Karg-Elert und das Saugwindharmonium – Lars David Kellners Hommage an ein fast vergessenes Instrument
Sigfrid Karg-Elert gehörte zu den wenigen Komponisten, die dem Harmonium ernsthafte künstlerische Bedeutung beimaßen. Den Großteil seiner Werke schrieb er für das (Druckwind-)Kunstharmonium – jenes Instrument, das mit seiner Ausdrucksvielfalt und seiner reichen Registerpalette seinem Klangideal am nächsten kam. Karg-Elert komponierte jedoch auch für das Saugwindharmonium, ohne dabei seine Ansprüche und klanglichen Visionen aufzugeben. Ob er dies aus ökonomischen Gründen tat, um ein größeres Publikum anzusprechen, soll hier dahingestellt bleiben. Sicher ist jedoch, dass er den kleineren Saugwindinstrumenten ohne Expressionsregister und limitierter Disposition mit deutlicher Skepsis gegenüberstand. Die oben genannten Einschränkungen erübrigen sich jedoch, wenn ein Interpret wie Lars David Kellner jene Werke auf einem seltenen Saugwind-Kunstharmonium spielt. Ein solches Instrument eröffnet klangliche Möglichkeiten, die den Vorstellungen des Komponisten besonders nahekommen.
Op. 103 – Romantische Stücke
Mit diesem Zyklus stellt Karg-Elert hohe Anforderungen an die Disposition des Instruments. Neben der durchgehenden Forderung nach Expression schreibt er Register vor, die über die standardisierte Ausstattung des Normalharmoniums hinausgehen – etwa unterschiedliche 16’-Stimmen im Diskant und insbesondere das Waldhorn-Register, dessen Klangcharakter Karg-Elert in der Partitur selbst als „lustig“ und „schmetternd“ beschreibt. Titel wie Waldwanderung, Einsamer First oder Romantisches Tal spiegeln die farbintensive Wirkung dieses Registers wider. Selbst die von ihm sonst kritisch betrachtete Oktavkoppel findet in Nächtliches Silber Verwendung. Ein Saugwind-Kunstharmonium aus dem Fundus von Lars David Kellner bietet hierfür ideale Voraussetzungen: eine denkbar üppige Disposition, flexible Teilung von Diskant und Bass, eine ausdrucksstarke Vox humana sowie ein sonorer Subbass ermöglichen die überzeugende Umsetzung dieser anspruchsvollen Klanggebilde.
Instrument: Saugwind-Kunstharmonium (Lindholm); Aufnahme: Mai 2025